TaktgeberInterview· Fraunhofer IIS
InterviewFraunhofer IIS

Eine Erfindung ist noch lange keine Innovation

Dr. Melanie Oßwald vom Fraunhofer IIS über KI und Robotik, den schwierigen Weg von der Idee in die Anwendung und die Frage, warum Zweifel beim Erfinden durchaus hilfreich sein können.

30. September 2026von Roland WeinigerMittelfranken3 Min. Lesezeit
Dr. Melanie Oßwald, Senior Policy Advisor am Fraunhofer IIS und Jury-Mitglied des Peter-Henlein-Preises 2026

Dr. Melanie Oßwald, Senior Policy Advisor am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS.

Bildnachweis: Fraunhofer IIS

Zwischen einer guten Idee und einer erfolgreichen Innovation liegt häufig der schwierigste Teil der Entwicklung: der Weg in die praktische Anwendung. Dr. Melanie Oßwald beschäftigt sich seit vielen Jahren mit genau dieser Schnittstelle. Als Senior Policy Advisor am Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS verbindet sie Forschung, Innovation und Politik.

Im Taktgeber-Interview spricht sie über die Verbindung von Künstlicher Intelligenz, Robotik und Sensorik, über Nutzerorientierung als Voraussetzung für erfolgreichen Technologietransfer und über eine Unterscheidung, die in der Innovationsdebatte häufig verloren geht: Eine Invention ist noch keine erfolgreiche Innovation. Als Jurymitglied des Peter-Henlein-Preises 2026 richtet sie zugleich den Blick auf Ideen, die diesen Weg gerade erst beginnen.

Roland Weiniger: Das Fraunhofer IIS steht wie kaum eine andere Institution in Franken für den Transfer von Forschung in konkrete Anwendungen. Welche Themen und technologischen Entwicklungen beschäftigen Sie derzeit besonders – und wo sehen Sie aktuell die spannendsten Innovationsfelder?

Dr. Melanie Oßwald: Groß geworden ist das Fraunhofer IIS mit Welterfolgen in der Audio- und Videotechnologie sowie der Mikroelektronik – doch heute treiben uns zusätzlich ganz neue, hochspannende Zukunftsfelder an.

Ein zentrales Thema ist für uns die Künstliche Intelligenz, die wir direkt mit der Robotik verbinden. Wenn Roboter lernen, ihre Umwelt mithilfe cleverer Sensorik wahrzunehmen und dank intelligenter Algorithmen flexibel auf Veränderungen zu reagieren, verändern sie nicht nur die industrielle Fertigung, sondern unterstützen auch maßgeblich in der Logistik oder Medizin.

Parallel dazu treiben wir Vernetzungstechnologien wie unseren Kommunikationsstandard mioty voran. mioty zeigt beispielhaft, wie man aus der Forschung heraus einen weltweiten Industriestandard für das Internet der Dinge (IoT) schaffen kann – extrem zuverlässig, energiesparend und reichweitenstark.

Das für mich spannendste Innovationsfeld liegt genau in dieser Kombination: Wenn wir mioty für verlässliche Daten aus tausenden Sensoren nutzen, diese mit KI analysieren und über autonome Systeme oder Robotik direkt in Handlungen übersetzen. Daraus entstehen intelligente Gesamtlösungen für Smart Cities, eine ressourcenschonende Landwirtschaft und die vernetzte Produktion von morgen.

Roland Weiniger: Zwischen einer guten Idee und einer erfolgreichen Anwendung liegt oft die schwierigste Phase des Innovationsprozesses. Was entscheidet aus Ihrer Erfahrung darüber, ob dieser Transfer gelingt?

Dr. Melanie Oßwald: Das entscheidende Stichwort lautet Intersubjektivität – also die Fähigkeit, sich empathisch in die zukünftigen Nutzer hineinzuversetzen und die eigenen Vorlieben zurückzustellen. So begeistert man selbst von einer Idee auch sein mag: Wenn man mit dieser Meinung allein bleibt, beschränkt sich das Marktpotenzial am Ende auf genau eine Person.

Roland Weiniger: Künstliche Intelligenz verändert inzwischen nicht nur Produkte und Prozesse, sondern auch die Art, wie neue Lösungen entwickelt werden. Wie verändert KI aus Ihrer Sicht den Erfindergeist – und welche neuen Möglichkeiten entstehen dadurch für Forscher, Entwickler und Erfinder?

Dr. Melanie Oßwald: Eine KI kombiniert im Grunde immer das, was bereits da ist. Etwas wirklich Neues erfinden bleibt eine Kernkompetenz des Menschen, in der wir der KI weit überlegen sind und auch bleiben werden. Doch als Werkzeug ist KI großartig: Sie beschleunigt Prozesse enorm und kann wirkungsvoll unterstützen, etwa bei der Recherche nach Inspirationen oder dem Identifizieren von Marktlücken.

Roland Weiniger: Als Senior Policy Advisor am Fraunhofer IIS bewegen Sie sich an der Schnittstelle von Forschung, Innovation und Politik. Welche politischen und regulatorischen Rahmenbedingungen brauchen wir, damit technologische Ideen in Deutschland schneller aus Forschung und Entwicklung in die praktische Anwendung kommen?

Dr. Melanie Oßwald: Eine Beschleunigung des Innovationsprozesses lässt sich kaum erzwingen, da ein Großteil der Zeit in die Marktadaption fließt: Es braucht Zeit, bis Menschen eine Neuerung annehmen und ihren Mehrwert schätzen lernen. Was hilft, ist, die späteren Nutzer frühzeitig einzubinden und Barrieren durch Benutzerfreundlichkeit abzubauen. Seitens der Politik wäre da manchmal mehr Offenheit und Neugier hilfreich, statt starrer Vorgaben. Auch das Grundverständnis für Innovation könnten wir schärfen: Eine reine Erfindung – eine Invention – ist noch lange keine erfolgreiche Innovation am Markt, das wird oft verwechselt. Zudem liegt der politische Fokus oft zu einseitig auf der Entwicklung haptischer Produkte, obwohl die systematische Verwertung von Ideen – etwa durch gezielte Patentierungs- und Lizenzierungsstrategien sowie immaterielle Innovationen – ein mindestens genauso spannendes Potenzial bietet.

Roland Weiniger: Sie gehören 2026 zur Jury des Peter-Henlein-Preises für fränkischen Erfindergeist. Der Preis richtet den Blick ausdrücklich auf Innovationen in einer frühen Entwicklungsphase. Was reizt Sie an dieser Aufgabe – und was würden Sie Menschen sagen, die gerade an einer Idee oder einem Prototyp arbeiten und überlegen, ob ihre Entwicklung bereits „gut genug“ für eine Bewerbung ist?

Dr. Melanie Oßwald: Mich treibt schlichte Neugier an. Ich liebe es, mich von guten Ideen inspirieren zu lassen, und sehe es als meine persönliche Mission, interessante Ansätze gezielt voranzubringen. Allen, die noch zögern, möchte ich zurufen: Zweifel gehören absolut dazu! Wer zweifelt, hinterfragt das tatsächliche Marktpotenzial – und genau dieser Schritt macht aus einer bloßen Erfindung eine spätere Erfolgsgeschichte. Daher sind gerade auch die Selbstkritischen bei mir herzlich willkommen.

„Eine reine Erfindung – eine Invention – ist noch lange keine erfolgreiche Innovation am Markt."

— Dr. Melanie Oßwald

MO

Gesprächshinweis

Dr. Melanie Oßwald

Senior Policy Advisor · Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS

Das Gespräch führte Roland Weiniger für den Taktgeber der Peter-Henlein-Gesellschaft für fränkischen Erfindergeist. Dr. Melanie Oßwald gehört 2026 zur Jury des Peter-Henlein-Preises.

Der Peter-Henlein-Preis beschäftigt sich mit frühem Erfindergeist, Innovation und neuen Technologien aus Franken.

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Einreichungsschluss: 02. Oktober 2026, 18:00 Uhr. Offen für frühe Ideen, Prototypen und Erfindungen aus Franken.