Deutschland darf Erfindergeist nicht nur verwalten
Der Innovationsstandort schwächelt — höchste Zeit, die Tüftler wieder sichtbar zu machen
Warum die iwd-Analyse vom 24.06.2026 zeigt, dass Deutschland frühe Ideen, Prototypen und fränkischen Erfindergeist wieder ernster nehmen muss.
Deutschland war lange ein Land, das aus Ideen Produkte gemacht hat. Aus Werkstätten wurden Weltmarktführer, aus Ingenieurskunst Exportstärke, aus Tüftelei industrielle Substanz. Doch genau diese Stärke steht unter Druck. Der iwd-Beitrag „Der Innovationsstandort Deutschland schwächelt“ vom 24. Juni 2026 beschreibt eine Entwicklung, die nicht nur Wirtschaftspolitiker, Forschungsabteilungen und große Industriekonzerne beschäftigen sollte. Sie betrifft auch Regionen wie Franken – und sie betrifft alle, die an frühen Ideen, Prototypen, handwerklicher Präzision, digitaler Entwicklung und neuer Wertschöpfung arbeiten.
Die Zahlen sind deutlich: Der Anteil Deutschlands an den weltweiten transnationalen Patentanmeldungen ist von 2000 bis 2022 um fast sieben Prozentpunkte auf 15 Prozent gesunken. Auch der Anteil Deutschlands an den weltweiten Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen der Wirtschaft ging zwischen 2008 und 2021 von 8,5 auf 5,6 Prozent zurück. Das bedeutet nicht, dass Deutschland nicht mehr innovativ ist. Es bedeutet aber, dass andere schneller geworden sind – und dass Innovationskraft nicht mehr selbstverständlich aus Tradition entsteht.
Gerade deshalb braucht es einen neuen Blick auf den Anfang von Innovation. Patente, Forschungsbudgets und Weltmarktanteile sind wichtige Kennzahlen. Aber bevor eine Idee patentiert, finanziert, industrialisiert oder exportiert wird, gibt es eine frühere Phase: den Moment, in dem jemand ein Problem erkennt, eine Lösung skizziert, einen Prototyp baut, ein Verfahren testet oder eine digitale Anwendung entwickelt. Diese Phase ist oft unsichtbar. Sie findet in Werkstätten, kleinen Unternehmen, Hochschulprojekten, Ateliers, Laboren, Garagen, Agenturen oder an Küchentischen statt. Genau dort entscheidet sich, ob aus Einfallsreichtum wirtschaftliche Zukunft wird.
Aus Sicht der Peter-Henlein-Gesellschaft ist die iwd-Analyse deshalb mehr als eine Warnung. Sie ist ein Auftrag. Wenn Deutschland im internationalen Innovationswettbewerb an Boden verliert, reicht es nicht, nur über Großforschung, Konzernstrategien und Industriepolitik zu sprechen. Wir müssen früher ansetzen. Wir müssen die Menschen finden, die noch vor der Markteinführung stehen. Wir müssen Ideen ernst nehmen, bevor sie perfekt formuliert, durchfinanziert oder schon in Förderlogik übersetzt sind.
Franken hat dafür eine besondere Ausgangslage. Die Region verbindet Maschinenbau, Handwerk, Medizintechnik, Digitalisierung, Kreativwirtschaft, Hochschulen, Mittelstand und industrielle Zulieferketten. Sie kennt die Welt der Präzision ebenso wie die Welt der Improvisation. Genau diese Mischung ist für Innovation entscheidend. Peter Henlein steht als Nürnberger Uhrmachermeister symbolisch für diese Verbindung: handwerkliche Meisterschaft, technische Vorstellungskraft und der Mut, bestehende Möglichkeiten neu zusammenzusetzen. Der Peter-Henlein-Preis knüpft ausdrücklich an diese Tradition an und übersetzt sie ins 21. Jahrhundert – von Mechanik bis Digitalisierung.
Der iwd verweist darauf, dass vor allem Bürokratie, lange Genehmigungsverfahren, unzureichende steuerliche Forschungsförderung sowie hohe Arbeits- und Energiekosten Unternehmen bremsen. Das sind zentrale Standortfragen. Aber daneben gibt es eine zweite, oft unterschätzte Frage: Wie gut ist ein Land darin, frühe Ideen überhaupt sichtbar zu machen? Wie leicht finden Erfinderinnen und Erfinder Zugang zu Rückmeldung, Öffentlichkeit, Schutzwissen, Netzwerken, ersten Kontakten und Marktperspektive?
Genau hier setzt die Peter-Henlein-Gesellschaft an. Der Peter-Henlein-Preis für fränkischen Erfindergeist richtet sich an Innovationen aus Franken, die noch vor der Markteinführung und vor einer Patentveröffentlichung stehen. Er will nicht erst dann aufmerksam werden, wenn ein Unternehmen gegründet, ein Businessplan geschrieben oder eine Finanzierung gesichert ist. Er setzt früher an: bei der Idee, beim Prototyp, beim technischen oder digitalen Lösungsansatz. Damit schließt er eine Lücke im regionalen Innovationssystem.
Der Rückgang deutscher Anteile an Forschung und Patenten darf nicht zu Resignation führen. Er sollte zu einer breiteren Innovationsbewegung führen. Nicht jede gute Idee entsteht in einem Konzern. Nicht jede Erfindung beginnt mit einem Förderbescheid. Nicht jede relevante Innovation sieht am Anfang aus wie ein klassisches Start-up. Manche entstehen im Handwerk. Manche in kleinen Industrieunternehmen. Manche in der Kultur- und Kreativwirtschaft. Manche aus einer Alltagserfahrung, einer technischen Irritation oder einem Problem, das bisher niemand ernst genug genommen hat.
Wenn Deutschland seine Innovationskraft erneuern will, muss es diese frühen Ideen besser behandeln. Weniger Abwehr, mehr Ermöglichung. Weniger Hürden, mehr Zugänge. Weniger reine Standort-Rhetorik, mehr konkrete Räume für Erfindergeist. Dazu gehören einfache Bewerbungswege, vertrauliche Erstbewertung, Kontakte zu Patentberatung, Sichtbarkeit auf Messen, regionale Netzwerke und ein öffentliches Signal: Wer etwas Neues versucht, ist nicht Randfigur, sondern Teil der wirtschaftlichen Zukunft.
Die Peter-Henlein-Gesellschaft versteht sich deshalb nicht nur als Bewahrerin eines historischen Namens. Sie steht für eine Haltung: Innovationsgeschichte ist kein Museumsthema. Sie ist eine Verpflichtung. Wer auf Peter Henlein verweist, darf nicht nur auf die erste tragbare Uhr zurückblicken. Er muss fragen, wo heute die nächsten tragbaren, nutzbaren, skalierbaren, überraschenden Ideen entstehen.
Der iwd-Beitrag zeigt: Deutschland kann sich nicht darauf verlassen, dass frühere Stärke automatisch Zukunft schafft. Gerade deshalb braucht Franken einen Preis für frühe Ideen. Einen Preis, der nicht nur fertige Erfolge feiert, sondern den Anfang stärkt. Denn die Patentstatistik von morgen beginnt nicht beim Patentamt. Sie beginnt dort, wo jemand heute eine Idee ernst nimmt.
Fränkischer Erfindergeist gesucht
Der Peter-Henlein-Preis macht frühe Ideen, Prototypen und Innovationen aus Franken sichtbar — bevor sie im Markt untergehen oder in der Patentstatistik auftauchen.
Der Peter-Henlein-Preis beschäftigt sich mit frühem Erfindergeist, Innovation und neuen Technologien aus Franken.
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